
ZUR GESCHICHTE DES SPANNWERKS
Das "Abspannwerk Kottbusser Ufer" wurde 1925 als das erste und bis heute stilprägendste Großabspannwerk der Berliner Elektrizitätswerk-Aktiengesellschaft (BEWAG) an der südöstlichen Ecke eines Blockes errichtet, der sich durch eine große Anzahl von Infrastruktureinrichtungen von den umliegenden Mietshäusern und Gewerbebauten abhob. Es befanden sich eine Desinfektionsanstalt, ein Pumpwerk der Berliner Wasserbetriebe und eine Schule in diesem Quartier.
Hans-Heinrich Müller (s. Bild oben rechts), seit 1924 Leiter der der Bauabteilung der BEWAG, entwickelte auf dem 4.062 qm großen Grundstück ein aus fünf Gebäudeteilen bestehendes Gesamtensemble, das sich zum Landwehrkanal hin abstuft.
Das achtgeschossige Schalthaus, in dem die Schaltanlagen in zwei Ebenen übereinander angeordnet waren, dominierte die Anlage. Das deutlich niedrigere Wartengebäude wurde gleichsam durch das Schalthaus durchgesteckt. Über dem Sockelgeschoss, das die Nebenräume aufnahm, lag das für ein Abspannwerk typische Kabelkanalgeschoss, das die optimale Kabelführung vom Schalthaus in die Warte ermöglichte. Über diesem war der Wartenraum angeordnet, der auf der Funktionsebene vier balkonartige Austritte hatte. Diese ermöglichten den direkten Einblick des Schaltmeisters in die Phasenschieberhalle und in den Innenhof, zu dem die Entrauchungskammern der Ölschalter angeordnet waren. Bei technischen Zwischenfällen konnte er sich so einen schnellen Überblick verschaffen. Die beiden anderen Austritte waren auf das Kottbusser Ufer (heute Paul-Lincke-Ufer) und die Ohlauer Straße gerichtet. Belichtet wurde die Warte über Fenster, die oberhalb der Funktionsebene mit den elliptisch angeordneten Schalttafeln lagen. Eine tonnenförmige zweischalige Lichtdecke sorgte für eine von der Tageszeit unabhängige, indirekte Beleuchtung.
Parallel zum Kottbusser Ufer (heute Paul-Lincke-Ufer) lag im dritten Bauteil die über 40 m lange Phasenschieberhalle, die in das zum Landehrkanal vorgeschobene Transformatorenhaus überging. An diesem Verbindungspunkt zum Schalthaus kreuzten sich zwei Schienenwege. Ein Treppenhausturm, der wie die beiden Treppenhäuser am westlichen und östlichen Ende des Schalthauses durch vertikale Fensterbänder belichtet wurde, bildete den Abschluss des Transformatorenhauses. Der fünfte Bauteil bestand aus den dem Wohnhaus für die Werksmitarbeiter. Zwei Wohnungen waren über der zweiten Werkseinfahrt angeordnet.
Die Gebäude waren mit Satteldächern gedeckt, lediglich die Treppenhaustürme erhielten Walmdächer. Wie schon bei Müllers erstem Bauwerk für die BEWAG, der Kohlenmahlanlage im Kraftwerk Moabit, lagen die Dächer auf einem mehrere Steinreihen auskragendem Zahnschnittgesims. Dieser expressionistische Abschluss findet sich als Stilelement in allen acht Abspannwerken Müllers wieder. Die gesamten Fassaden waren in rotem Backstein gehalten. Im Giebel das Wartengebäudes war als zusätzlicher Schmuck ein Relief mit einer Bärenfigur eingearbeitet (s. Bild oben links). Im Gebäudeinneren wechselte die Oberflächengestaltung: Im Treppenhaus an der Ohlauer Straße oder auch im Transformatorenhaus, welches heute unter anderem das Restaurant VOLT beheimatet, wurde gelber Backstein verwendet, während die Fenstereinfassungen in rotem Backstein abgesetzt wurden.
Das Abspannwerk Kottbusser Ufer wurde am 13.01.1989 ausser Betrieb genommen und stand jahrelang bis auf die beiden ehemaligen Werkswohnungen überwiegend leer. Wesentliche Anlagenteile wurden demontiert. Im Rahmen der positiven städtebaulichen Entwicklung in diesem Teil Kreuzbergs wurden ab Mitte der 90er Jahre vermehrt Anfragen an die BEWAG zur Nutzung des Abspannwerkes gerichtet. Am Paul-Lincke-Ufer hatte sich eine lebendige Café- und Restaurantszene angesiedelt, die die Qualität des Wohnumfeldes in den angrenzenden Seitenstraßen deutlich erhöht hatte. Verschiedene ehemalige Gewerbehöfe wurden zu individuellen, zeitgemäßen Wohnprojekten umgenutzt.
Nachdem die BEWAG sich 1999 relativ kurzfristig für einen Verkauf des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes entschieden hatte, öffnete das Abspannwerk nach zweijähriger Umbau- und Sanierungszeit im Jahre 2001 als "Umspannwerk Kreuzberg" wieder seine Pforten.
Bei
den umfangreichen Sanierungsmaßnahmen wurde der Schwerpunkt auf die
Erhaltung des ursprünglichen Charakters der Industriearchitektur dieser
Zeit gelegt. Wiederentstanden ist ein Juwel der Industriekultur, das die
ihm ursprünglich verliehene Bezeichnung „Kathedrale der Elektrizität”
zu Recht wieder trägt.
Das
modernisierte Umspannwerk Kreuzberg beheimatet heute großzügige
Loftbüroflächen, eine Vielzahl von Firmen aus der Kreativ- und
Internetwirtschaft, mit dem Restaurant VOLT eines der besten Restaurants
der Stadt, das Bistro HERTZ mit bezahlbarem Mittagstisch und
angeschlossenem Loungegarten, sowie Eventbereiche für Veranstaltungen
aller Art.
Technische Hintergründe über die Nutzung erfahren sie hier.
Quellen:
Hans Achim Grube: Renaissance der E-Werke, Berlin, 2003
WB Gewerbeimmobilien Spannwerk GmbH & Co. KG, 2011
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